Konzertberichte

9. April 2010: Die Idee dazu habe ich schon länger, endlich setze ich sie um: Ich berichte über Konzerte, welche mir in Erinnerung bleiben. Sie sind wenn möglich chronologisch sortiert (das jüngste immer oben) und mit allen Details, die mir dazu einfallen.

6. Gipsy-Flamenco-Festival im Kongresshaus (16. Oktober 2010)

Nach Elina Duni habe ich festgestellt, dass ich albanische Musik mag. Warum also nicht den Rest des Balkans ausprobieren? Da auch Flamenco (ebenfalls sehr interessant) und orientalisches angesagt war, musste ich das Spektakel sehen. Angekündigt waren:

Esma Redzepova (Mazedonien)
Dhoad (Rajasthan)
Compañia Leonor Moro (Flamenco und somit wohl Spanien)
Romano Drom (Ungarn)
El Hiyam (arabisch- mazedonisch-schweizerisch)

Tja, es war spannend. Ich verstehe kaum ein Wort, aber die Musik aller Bands gefiel mir ausserordentlich gut, die Tänzerinnen wechselten gekonnt zwischen Flamenco und orientalischem Tanz (da besteht eh enge Verwandtschaft) und die Musik ging fliessend vom einen ins andere über. Oft spielten alle zusammen. Ich mag sowohl die schnellen fröhlichen Stücke als auch die lansamen arabischen mit tiefgestimmtem Saiteninstrument. Tja, die Gitarre ist ursprünglich arabisch und für mich ist es einleuchtend, diese Musik ebenfalls zu schätzen. Ich mochte griechische Musik schon immer, beschloss später, orientalischen Tanz zu lernen und bin nun bei albanischen Volksliedern (siehe Elina Duni) gelandet. Spannende Musik, die sich einmal fast klassisch anhört und dann unversehens einen orientalischen Schlenker macht. Zwischendurch darf ein Jazzeinschlag nicht fehlen, vorallem, wenn die Bläser schon mal da sind. Allerdings mag ich Bläser immer noch nicht besonders.

Das Publikum gefiel mir auch :-) Schnell stellte ich fest, dass einige als Familie unterwegs waren, Gruppen mit Kindern und allem Drum und Dran und diversen Sprachen. Ich sass erst auf dem Balkon, was ich spätestens vor der Pause zu bereuen begann: An den Seiten waren einige am Tanzen und es wurde immer fleissig mitgeklatscht. Flugs gönnte ich mir nach der Pause ein Upgrade *gg*. Ich wechselte nach vorne, legte mein Zeug auf einen Stuhl und tanzte nun mit. Hätte ich mehr Geld, würde ich einen Flamenco-Kurs belegen, hätte ich einen Freund, würde ich Tango probieren (freiwillige Männer vor...). Den orientalischen Tanz will ich jedenfalls um keinen Preis aufgeben.

Elina Duni Quartett (8. April 2010)

Diese Jazzsängerin begegnete mir anfangs Jahr in der Zeitung. Ich hatte festgestellt, dass osteuropäische Musik öfters mal orientalische Einflüsse hat und da diese zu meinem Hobby orientalischer Tanz gehört, wollte ich längst mal meinen musikalischen Horizont erweitern.

Da war also dieser Artikel über eine Frau, die als Mädchen in die Schweiz kam und nach vielen Jahren den Mut, oder wie auch immer man es nennen will, aufbrachte, heimatliche Volkslieder zu verjazzen. Nebst albanischen Liedern singt sie türkische, griechische und bulgarische. Englisch und Französisch beherrscht sie auch. Eigentich wollte ich nach diesem Zeitungsbericht umgehend Youtube durchstöbern und reinhören, aber ich kam nicht dazu. In einem anderen Zusammenhang stiess ich jedoch auf den Pianisten Colin Vallon, welcher Elina Duni am Klavier unterstützt, und so kam ich wieder auf die Sängerin.

Vom Lied Yati Den M'agapas (griechisch: Warum Liebst Du Mich Nicht?) war ich sofort restlos fasziniert und noch heute, Wochen, nachdem ich umgehend die CD bestellt, ungeduldig erwartet und gierig entpackt hatte, höre ich das Lied regelmässig. Es fängt mit einer typischen orientalischen Tonleiter an. Elina Dunis Stimme ist eindringlich und voller Emotion. Das Trio (Klavier, Kontrabass und Schlagzeug unterstützt sie sehr gut) . Die Musik ist energiegeladen, jedoch nicht schnell, oft eher langsam. Meist sind es Liebeslieder und ehrlich gesagt, wären sie auf Englisch, würde ich sie vielleicht nicht mögen. Wahrscheinlich wären sie klebrig, aber da stört es mich nicht.

Das Quartett bringt die Energie auch live rüber, es hat perfekt gespielt, das Publikum gefesselt und in Spannung gehalten. Elina übersetzte jedes Lied in wenigen Sätzen und die Freude am Singen war ihr anzumerken. Sie wirkte schüchtern, gepaart mit einer liebenswerten Ausstrahlulng. Etwas, das ich an vielen Konzerten eher junger Bands vermisse. Sie spielen in CD-Qualität, steril und dazu mit dem Anspruch, das oft sehr junge Publikum zu unterhalten. Aber ein gutes Konzert lebt davon, dass die Band Freude hat und das Publikum mitreisst. Eine gute Band bringt das (in meinem Fall meistens junge, männliche) Publikum dazu, aus sich herauszugehen. Wobei ich auch schon undankbare Zuhörer erlebt habe. Schade fand ich am Konzert, dass es fast keine jungen Leute gab. Ich senkte das Durchschnittsalter beträchtlich.

Zurück zur Musik, die eine Freundin als "zu jazzig" beurteilte. Also zuviele, schwer verfolgbare Soli wahrscheinlich. Ich bin anderer Meinung, ich mag es, der Struktur eines Liedes gut folgen zu können und dies gelingt mir problemlos. Die Instrumentalisten sind keine Egos, die sich in den Vordergrund drängen, jedoch Musiker, die durchaus ihren Weg gehen im Stück. Interessant finde ich, dass Elinas Stil mich an Erika Stucki oder Sina erinnern, selbst zeitweise Christian Zehnder von Stimmhorn. Meine Mutter hört Irene Schweizer heraus... Ich habe keine grosse Ahnung von Jazz, frage mich aber, ob diese Musiker etwas spezifisch Schweizerisches in ihrer Musik haben. Oder ob schweizer und albanische Kultur / Musik Gemeinsamkeiten haben? Ich bin gespannt, worauf ich noch stosse.

Alice In Chains (Dezember 2009)

Eine meiner Lieblingsbands, die mich bereits mein halbes Leben begleitet, ist Nirvana und da ist es naheliegend, dass ich im Laufe der Zeit auf befreundete Bands stiess oder einfach solche, die im gleichen Atemzug genannt werden. Oft habe ich gelesen, Alice In Chains spielten keinen Grunge, was meiner Meinung nach nicht stimmt. Für mich ist Grunge melancholische Rockmusik mit teils schrägen Akkordfolgen und einem mässigen bis schleppenden Tempo, verglichen zu Hardrock oder Metal. Wohingegen Puddle Of Mudd, die mit Nirvana verglichen wurden, gerade mal die Stimme mit Kurt Cobain gemeinsam haben und eine leichte Vorliebe für gelegentliche dissonante Akkorde. Die Band geht davon abgesehen für mich als typisches New Metal oder New Rock durch.

Ich rechnete ehrlich gesagt nicht damit, die Band noch zu sehen, normalerweise ist Schluss, wenn der Sänger stirbt (Bei Guns 'n'Roses hätte Schluss sein müssen als Slash ging, aber das ist ein anderes Thema...). Ich war also gespannt auf das Konzert mit dem neuen Sänger.

Alice In Chains spielten an diesem Konzert sehr viele altbekannte Lieder und das äusserst dankbare Publikum sang begeistert jedes Lied mit. Alice In Chains sangen auch Songs vom neuen Album, denen andächtig gelauscht wurde. Der neue Sänger ist unverkennbar anders als Lane Staley, passt jedoch bestens in die Band. Seine Stimme ist tiefer, was ich im ersten Moment schade fand. Anderseits mag ich tiefe Männerstimmen ;-D. Ich vermisse nur, dass mein Lieblingslied Sludge Factory (welches aber lautstark gewünscht wurde) nicht gespielt wurde. Oder bestimmt als ich gegangen war um den Bus zu erwischen. (Ich frage mich, warum eine Universitätsstadt wie Freiburg nur Busse bis um Viertel vor 12 hat. Also bitte!) Zum Konzert: Zum Headbangen wars zu eng, aber irgendwie kümmerte mich das nicht. Die teilweise akkustischen Stücke verlangten nicht danach. Alice In Chains ist eh eine Band, bei welcher ich mich wie in Watte gepackt fühle. Alles schön warm und behaglich. Genau so fühlte sich für mich das Konzert an.

The Melvins (April 2007)

Die Melvins begegneten mir ebenfalls in der Zeitung, genauer gesagt am Donnerstag auf der letzten Seite im Züritipp, angesagt für den nächsten Tag. Wie bei Alice In Chains war mir der Name geläufig, ich hatte mich jedoch nie näher mit der Band beschäftigt.

Die erste Vorband verwirrte das Publikum komplett und ich frage mich heute noch, ob diese merkwürdigen Typen (ich glaube, sie hiessen Business Men) halbwegs unter uns weilten. Sie brachen die Stücke 3 Mal ab um neu anzufangen und ich kann mich nicht erinnern, ob sie dann überhaupt fertig gespielt wurden. Die zweite Vorband, deren Schlagzeuger den der Melvins unterstützen sollte, war besser, dafür blieb sie mir nicht im Gedächtnis

Plötzlich schien ein Staubwedel eifrig auf und ab zu hüpfen, ich stellte jedoch fest, dass es sich um die Locken des Sängers handelte. Er schaute bei jeder Songzeile herausfordernd ins Publikum und schloss sie mit einem abgehackten Nicken ab. Es hätte arrogant wirken können, ich empfand es jedoch eher als eigentümlichen Trotz.

Die Musik erinnerte mich an zähflüssige Lava, die sich bedächtig ihren Weg sucht, manchmal anhält und dann wieder losfliesst. Die Musik bricht mal aus zu einem kleinen Ausflug um wieder dort fortzufahren, wo sie steckengeblieben war (da fällt mir das Plateau-Solo von Nirvana ein, ich stelle mir jedes Mal vor, ein weisses Gartentörchen zu öffnen und 5 Minuten in einem kleinen, wilden, liebenswerten Garten spazierenzugehen). Es dauerte eine Weile, aber schliesslich tanzte ich immer wilder. Erst am Schluss fiel mir der perfekte Rücken des Fans vor mir auf :-) Absolut entspannt und mit einem breiten Lachen im Gesicht lief ich nach Hause.

Patti Smith

(ich glaube, Juni 2007 und damit hier am falschen Ort. Aber die Melvins haben mich mehr beeindruckt :-)

Patti Smith hat erst meine Schwester gehört, ihr gefielen die Texte / Gedichte. Ich muss zugeben, dass mir der Text weniger wichtig ist, mir muss der Gesamteindruck gefallen, dann wird mir warm. Bei Musik, die mir nicht gefällt, wird mir kalt, im Extremfall scheint sogar alles grau. Trotzdem bin ich kritisch, zu kitschige, platte oder auch einfach diskriminierende Texte lehne ich ab. Patti Smith jedenfalls packte mich mit ihrer wuchtigen Energie und sie ist eine der wenigen Frauen, denen das gelingt. Viele legen zu viel Wert auf feminines, angepasstes Äusseres statt ihren eigenen Weg zu gehen. Patti Smith aber ist stur, das mag ich :-)

Eben war 12 rausgekommen, am Konzert waren viele Frauen, das Alter sehr gemischt. Ich glaube, das Konzert war im Volkshaus, jedenfalls schien mir der Raum viel zu klein für diese quirlige Frau. Ihre Stimme und Energie schienen kaum Platz zu haben, ein grösserer Raum wäre ihr mehr gerecht geworden. Manchmal holte sie vor einem Lied etwas aus, einmal erzählte sie eine abgefahrene Kartoffelgeschichte (auf Englisch). Ich verstand nicht, warum ein Teil des Publikums ungeduldig wurde, genauer gesagt brachte ich dafür kein Verständnis auf. Patti Smith wurde mit Gedichten und Textcollagen bekannt, da ist es naheliegend, sowas auch am Konzert zu bringen. Ich genoss es, eine Sängerin zu erleben, die etwas sagt. Was mich zum nächsten Konzert bringt.

Tool (vermutlich 2006)

Ich habe immer gemischte Gefühle dieser Band gegenüber. Die Alben finde ich an der Grenze zur Sterilität und die Musik liegt mir im Magen wie grosse Brownies. Ein Durchgang und ich habe genug für mehrere Wochen. Diese Band hat etwas Düsteres, Unheimliches, das mich fasziniert. Auch die Mischung harter Musik mit einer eher weichen, fast träumerischen Stimme gefällt mir.

Live ist die Band besser als auf CD, die Musik lebt. Das Konzert war im Hallenstadion und für einen geringen Aufpreis hatte ich einen Sitzplatz erhalten. Ich bereute es, neben einem Stuhl zu tanzen ist einfach doof. Die einzelnen Instrumente waren gut zu hören, kein Einheitsbrei, wie bei vielen Konzerten. Überrascht war ich von der Zurückhaltung des Sängers, er sagte kaum ein Lied an, ähnlich wie auf der CD gingen die Songs fast nahtlos ineinander über. Er sprach so leise, dass er kam zu verstehen war. Ich verliess das Konzert einerseits entspannt, anderseits mit einem kleinen Fragezeichen. Ein Abend, der in mir noch einige Tage nachhallte.